Italiener trauern um Fabrizia di Lorenzo- Opfer des Terroranschlags in Berlin

fabrizia

(Profilfoto Facebook)

Fabrizia wollte nur noch schnell ein paar kleine Geschenke besorgen, weil sie an Weihnachten zuhause in Italien gewesen wäre. Eine braune, leicht gekräuselte Strähne fiel ihr ins Gesicht und glitzerte unter den bunten Lichtern des Marktes auf dem sie sich befand. Es war zwar ein kalter Montagabend, aber in der Luft lag ein süßer Geruch, der sie bezauberte. Ihre funkelnden Augen suchten nach farbenfrohen und ungewöhnlichen Objekten, die sie in ihre Heimat begleitet hätten, während sie ihrer Mutter Giovanna am Telefon sagte, dass sie sich am Mittwoch wieder sehen würden.

Sie schaute sich um, sie trat an einen Stand und betrachtete ein paar Wachskerzen, als ihre Aufmerksamkeit von selbstgemachten Holzfiguren nebenan erregt wurde, die sich wunderbar auf der Kommode im Flur des Hauses in Italien gemacht hätten. Sie berührte die Gegenstände und lächelte die Verkäuferin an. Sie freute sich, weil sie sich dachte, dass das eine oder andere ihren Eltern hätte gefallen können. Mitgebracht aus Berlin, der Metropole, in die sie gezogen war, um zu arbeiten, um eine neue Sprache zu lernen und vor allem, um dort zu leben.

Und plötzlich wurde es dunkel …

So habe ich sie mir vorgestellt, die letzten Minuten des Lebens von Fabrizia di Lorenzo, die am 19.12 auf dem Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz starb. Zuvor habe ich nichts gedacht. Bevor man das Handy der 31 jährigen in der Nähe des Platzes gefunden hatte, habe ich gar nichts gedacht oder empfunden.

Ich dachte, dass es sich um einen gewöhnlichen Unfall handelte. Ein Betrunkener am Steuer hat die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren. Wer würde denn ausgerechnet diesen Weihnachtsmarkt als Ziel auswählen? Und wieso sollte eine Italienerin ausgerechnet dort hin gehen? Alleine?

Es war ein seltsamer Abend, es wurde insgesamt eine seltsame Woche. Manche Straßen waren wie leer gefegt und man hörte von Weitem Sirenen, immer wieder. In den Zeitungen und in den sozialen Netzwerken brodelten die Mutmaßungen und die letzten News hoch auf ein ziemlich unerträgliches Pensum an Informationen. Es berührte mich nicht. Ich bin Berlinerin. Ich bin hier aufgewachsen. Mir macht niemand Angst in meiner Stadt, redete ich mir ein … und fuhr über Umwege zur Arbeit und war schon selbst nach diversen anderen Anschlägen fast nirgendswo mehr hingegangen.

9 Tote, 10 Tote, 11 Tote, 12 Tote, viele Verletzte, um die fünfzig. Das hört man jeden Tag und man sieht Bilder vom Krieg und vom Elend in der Welt. Ich wollte nicht trauern, ich wollte verdrängen, ich wollte es einfach ignorieren. Die sardischen Zeitungen meldeten sich bei mir, um ein Statement zu bekommen, “wie ich mich fühlte und was ich so dachte”. Besorgte Freunde riefen mich an und schrieben mir Nachrichten.

Ich war jedoch wie gelähmt, ich fasste mich kurz, ich dachte selbst nur an wenige Menschen von denen ich wissen wollte, ob es ihnen gut ging. Von den meisten erfuhr ich in Facebook, was sie taten, dass sie da waren, in “Sicherheit” waren. Partiell sogar Leute, von denen ich wusste, dass sie seit Jahren keinen Fuß in den Bezirk der Schreckenstat gesetzt hatten. Ich markierte mich nicht mal in Sicherheit, jemand anders tat das. Ich glaube, ich habe eine innere Blockade aufgebaut und wollte nichts fühlen …

… und dann war da Fabrizia di Lorenzo aus Sulmona in Italien. Im Laufe der Tage erfuhr ich immer mehr über sie. Sie schrieb gerne, sie hatte Internationale Beziehungen studiert und sprach sehr gut Deutsch und Englisch. Wir hatten einige gemeinsame Freunde, ihre Titelbilder auf Facebook zeigen, dass sie Landschaften mochte, dass sie Städte mochte, dass sie Kunst mochte. Vor allem aber lachte sie viel und freute sich über Kleinigkeiten. Ganz bestimmt hielt sie einen kleinen Gegenstand in der Hand und betrachtete ihn auf diesem Weihnachtsmarkt.

Die Stunden und Tage vergingen immer mühseliger. Man wartete auf das Ergebnis des DNA-Tests, weil viele der Verstorbenen nicht ohne identifizierbar waren. Der Vater, so sagte er, hatte schon jede Hoffnung aufgegeben. Sie wäre nicht unentschuldigt der Arbeit fern geblieben und hätte ein Lebenszeichen von sich gegeben. Was für eine schreckliche Situation für die Familie. Was für eine schreckliche Situation insgesamt, in der jeder eigentlich nur versuchen konnte, nicht die Fassung zu verlieren.

Sie war tatsächlich unter den Opfern und die italienische Gemeinschaft in Berlin trauert. Unendlich viele Klicks, unendlich viele Kommentare. Heute morgen sah ich ein kleines Video über sie mit Bildern. Es tat mir so leid und mir sind ein paar Tränen die Wangen herunter geflossen. Je mehr das Geschehene zeitlich wegrückte, umso mehr fing es an, mich zu berühren, weil diese junge Frau dem Ganzen ein Gesicht gab.

Ich kannte dich nicht, Fabrizia, aber ich werde dich in Erinnerung behalten. Ruhe in Frieden.

 

Annunci